Beflügelt

Im geheimen Garten

(Gedankenprotokoll, das ist das Monster für uns Ärzte, das wir bei einem jeden einzelnen Patientenkontakt anlegen sollten, denn die allseits locker sitzende Beschwerde, die ihren Schlag IMMER in dem Moment ausführt, in dem wir uns am tollsten fühlen. Bedauerlicherweise kann ich Protokolle nicht leiden. Mir kommt meine Fantasie immer dazwischen)

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Am vorletzten Tag in Seoul verbrachte ich den Vormittag damit mich im Changdeokgung Palast zu verlieren. Ein jedes Tor, ob groß oder klein, führte in einen der vielen Höfe.
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Alle waren sie geheimnisvoll und verzaubert, die Dächer mit ihren Verzierungen und Formen waren ein prächtiges Erlebnis. Aus jeder Perspektive boten sie ein neues Bild, denn kein Pavillon war gleich groß wie das nächste.
Die Sonne schummelte sich durch die Zacken und Runden um auf die bunten Holzverkleidungen zu fallen.
Hier ist Versteckspiel bestimmt mal ein Erlebnis!

Ich hatte eine Stunde Zeit, diesen Beweis für Dekadenz zu genießen bevor ich zur Führung im Geheimen Garten antreten musste. Musste, weil ich ihn anders nicht zu sehen bekommen hätte. Die Angst, dass paar ignorante Touristen den Garten verwüsten und Blumen klauen, ist wohl sehr groß!

Mein Lieblingsbuch als kleines Mädchen war “Der geheime Garten”( Frances Hodgson Burnet). Mein Vater hat dieses Buch mit vielen anderen zusammen für meinen Bruder und mich geschenkt bekommen (als Start zum Deutschlernen- hätten sie gewusst, dass ich nie wieder aufhören sollte zu plappern, vielleicht hätten sie es sich anders überlegt! ).
Lang blieb es ein vergilbtes altes Buch, bis ich es in der 4. Klasse endlich in die Hände nahm und es nicht mehr weglegen konnte, so dass ich es auch in der Schulstunde heimlich unter dem Tisch las.
Die Moore von England, ein kleines Mädchen in einem alten dunklen Herrenhaus mit einem noch dunkleren Familiengeheimnis. Ich weiß heute noch, wie gepackt ich war, als sie den Eingang zum Garten fand.

Auch ich hab schon einen Geheimen Garten gefunden.

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Irgendwo in Sri Lanka unweit des Anwesen eines englischen Architekten. Sein Eingang waren zwei geschnitzte Säulen, die von so viel Flora bedrängt wurden, dass beinahe nur die Spitzen zu sehen waren. Hinter ihnen erwarteten uns geschlungene Wege mit allem, was die  srilankische Botanik zu bieten hatte
. Meine Mutter war in heller Aufruhr und musste es sich ehrlich verkneifen, nicht irgendwelche Pflänzchen mitgehen zu lassen. Mein Großvater hätte da gar keine Skrupel gezeigt. Er war ein Künstler wenn es darum ging, diverse Blumen und Grünzeug unter seinem Hemd oder eingeklemmt im Bund seines Sarongs zu schmuggeln.

Wenn ich so zurück denke, sind wir in Matara auch schon in mitten eines verzauberten Gartens aufgewachsen. Dank der Flora-Kleptomanie meines Opas, wuchs eine ausgewählte Vielfalt an den schönsten Blumen in unserem Vorgarten und wir hatten Schmetterlinge, Vögel und sogar ein Chamäleon, die sich bei uns heimelig gemacht haben. Wir wuchsen auf mit diversen Eichhörnchen, die vom Baum gefallen waren und von unserem Opa und uns aufgepäppelt wurden, einer Kuh, die morgens von meiner Mama gemolken wurde, einen Haufen Hühner, einer Katze, einem Tank voll bunter Fische und Hunden auf.
Mein Faible für Verzaubertes ist also nicht von ungefähr.
Leider gibt es das alles nicht mehr… Nach unserem Wegziehen und dem Tod unseres Opas verschwand der Zauber und damit die Vielfalt.

Der Garten im  Changdeokgung Palast war wieder ein ganz anderer. Unübliche im Vergleich zu anderen Schlossgärten, war dieser ganz sich selbst überlassen, es gab keine künstlich angelegten Blumenbeete oder nach den Vorstellungen eines Gartengestalters entsprechend getrimmten Hecken. Nur die Teiche waren angelegt.
Der Garten lag am Fuße eines Berges (in Korea ist alles, was die Höhe eines Maulwurfshügel übersteigt gleich ein Berg!) und schmiegte sich all seinen kleinen Unebenheiten an.

Das schönste war ein großer Teich umzäunt von mehreren Pavillons, wovon eins in den Teich hineinragte und einen Menschen stilisierte, der seine Füße in das Wasser tauchte. Ihm gegenüber stand eine Bibliothek! Ich war hingerissen! Eine Bibliothek im Grünen! Und was für eine schöne!

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Trotz der großen Runde an Besuchern, konnte ich ohne vorzulaufen mir meinen eigenen Eindruck machen. Ich schlüpfte zwischen den Bäumen hin und her und genoss dieses Kleinod.

Wo immer wir vorbei kamen, versteckte sich hinter einem Baum ein Reich verzierter Pavillon, wie ein bunter Vogel.
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Vielleicht war ich in meinem früheren Leben eine Prinzessin? Oder wohl eher die Zofe einer solchen, die davon träumte auch mal eine zu sein. Auf alle Fälle stellte ich mir vor, wie eine Prinzessin gut geschützt unter ihrem mit Pfauen besticken Seidenschirm an der Seite ihrer Anstandsdame über die Wege des Garten trippelte und gar in einem unbeobachteten Augenblick sich ihrer Strümpfe entledigte um ihre Füße in einen Teich zu tauchen. Wenn ich sie wäre, hätte ich wohl ein kleines Stelldichein mit einem adretten Palast-Wachen in die Wege geleitet. 😉

So verging diese eine Stunde trotz drückender Hitze und meckernder Besucher wie im Flug.

Mein Vorhaben noch einen anderen Palast zu besuchen, ließ ich fallen, weil ich nach diesem Vormittag einfach zufrieden war und mir nicht vorstellen konnte, dass mich etwas anderes heute noch so umhauen könnte.

Ich machte mich daher auf zu zwei der Stadtpforten und beschloss den Tag gemütlich ausklingen zu lassen….
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