Berührt

Von Schmetterlingen und Chaos

Das Chaos. Manchmal in der Sockenschublade, am Konto oder im Besteckkasten.

…Oft genug aber in einem selbst. Wenn dem so ist, dann tue ich folgendes:
Ich höre Michael Köhlmeiers „Klassische Sagen des Altertums“. Nicht nur versteht er mich jedes Mal mitzureißen mit seinen Romanen (und anbei erwähnt, jedem sei sehr ans Herz gelegt „Sunrise“ zu lesen), schon seit der 5. Klasse Gymnasium hänge ich an seiner verraucht ironisch dahingleitenden Stimme. Wir hörten damals zum ersten Mal die griechischen Sagen aus seinem Mund im Lateinunterricht. Latein ging ich so mathematisch an, wie ich Choräle zu schreiben pflegte, streng nach der Regel. Weder meine Choräle noch meine Übersetzungen konnten sich daher mit viel Poesie rühmen, aber darum ging es ja nicht. Köhlmeier im Unterricht zu hören war daher Urlaub für den Kopf!

In der griechischen Mythologie war zuerst das Chaos. Keiner wusste, woher und was es genau war. Es war chaotisch. Das Gegenteil, so lerne ich, von Chaos ist der Kosmos. Kosmos war geordnet, sortiert und strukturiert.

„Wahrlich, zuallererst entstand Die gähnende Leere (Chaos), Alsdann aber die Erde (Gaia) mit ihrer breiten Brust“

Hesiod


Mit Hilfe von Eros ging aus dem Chaos Gaia hervor.
Gustav Schwab erzählt es so:

„Eines Tages habe sich ein belebendes Schimmern und wärmendes Glimmen durch das ganze Chaos verbreitet, unendlich zart: das war von Eros, dem Gott der himmlischen Liebe, dem ältesten aller Götter. Sein keusches Licht belebt noch heute die ganze Schöpfung und verbindet ihre Wesen, gute wie böse, untereinander.“

Wer die griechischen Sagen liest (hier ist Gustavs Schwabs Übersetzung zu empfehlen) oder hört, wird wohl nicht umhin kommen etwaige Vorstellung über Sexualität und Anstand fahren zu lassen. Die griechischen Sagen sind Tabubrecher, mind bender und Sittenstrolche. Ein Potpourri des Unsagbaren und Unrühmlichen. Aber Götter dürfen ja so allerlei.


Gaias Sohn Uranos wird zu ihrem Gemahl. Nicht Ödipus war der erste, der diese Sünde beging (interessanterweise galt es auch in der Mythologie als Sünde, getan haben es aber dennoch so einige. Aber gut, im Christentum gibt es auch Gebote um einen zu erinnern, was alles die verbotenen Früchte waren)
Aus der Vereinigung mit Uranos, dessen Geschlechtsteil eine sehr wesentliche und tragende Rolle spielen soll- hier versteht Köhlmeier es so plastisch zu erzählen, dass das Bild eines fliegende Penis mir im Gedächtnis hängen bleibt.

„Wenn ein Gott entmannt wird, dann muss jeder Augenblick genau geprüft werden, jeder Blutstropfen muss geprüft werden. Uranos wurde von seinem Sohn Kronos genau in diesem Augenblick entmannt, als der Same schon im Penis war und dieser Same, der sich im Wasser des Meeres mit dem Meerwasser verband, bildete einen Schaum als er in Zypern an Land gespült wurde und aus diesem Schaum erwuchs Aphrodite.“



Gaia ist gebärfreudig: die ungeborenen hundertarmigen Riesen, welche vom Vater immer wieder in den Leib Gaias gestoßen werden und zur Entstehung der Gebirge führen, sowie die Titanen, darunter Kronos und Rhea (sowie zehn weitere).
Wie kann es auch anders sein im Chaos, da doch alles in Unordnung ist, dass sich die zwei Liebenden schließlich entzweien und der Akt der Himmelsentmannung“ durch Uranos‘ Sohn Kronos für immer den Himmel von der Erde trennt. So ist es auch nur naheliegend, dass die ersten Nachkommen der ersten Blutstropfen, Ausdruck des Trennungsschmerzes, die Rachegöttinnen (Erinnyen) sind.
Anstatt jedoch die hundertarmigen Riesen zu befreien, stößt Kronos sie in den Tartaros. Wie der Vater so der Sohn kann man wohl nur sagen, so dass ihn auch die Prophezeiung nicht weiter überraschen hätte sollen, nämlich dass ihm das gleiche Schicksal blühen werde, wie Uranos.

Illustration von Rudolf Hermann aus Gustav Schwabs “Die Schönsten Sagen des Klassischen Altertums” 1955

Ich hörte und las das Kapitel des Chaos nicht nur einmal. Konnte etwas so Unfassbares wie das Chaos, etwas so Urzeitliches wie die Erde menschliche Züge haben oder verkopfte ich mich allzu sehr, um den Eigenheiten der Natur menschliche Züge zu geben, weil auch in ihr Missgunst, Eifersucht aber auch Liebe zu finden war? Es ist vielleicht genau dies die Faszination der griechischen Mythologie, dass, ohne alles zu erklären und zu skizzieren, einem eine unendliche Welt der Metaphern und Moral gezeichnet wird.

Während das Chaos der Mythologie unsere Fantasie am Spinnen hält, lässt sie sich durch die Chaostherapie nicht weiter erklären. Denn damit hat diese Wissenschaft gar nichts zu tun.
Doch findet man in ihr vielleicht etwas anderes, das ich abseits von Physik und Mathematik oder Computersimulationen entdecken kann: „…daß sich chaotisches Verhalten im Zeitablauf zu geordneten Mustern einschwingt“ und „sehr kleine Veränderungen der Ausgangsbedingungen können zu großen, nicht vorhersehbaren Auswirkungen führen kann“.
Mein Leben ist eine solche Abfolge „nicht linearer Dynamiken“ – unser aller Leben. Es mag der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen und es mag ein Satz ein Haus zum Einstürzen bringen.

aus der FLOW


Konzentrierte ich mich auf die einzelnen Schritte, die ich tu, bin ich mir ihrer zwar bewusster, den Auftritt, die Balance, die Beschaffenheit des Bodens, aber wenn ich mich erstmal wirklich auf jeden Schritt fokussiere, komme ich doch ins Straucheln. Es gelingt besser auf Linie zu bleiben, wenn man darauf vertraut auch ohne Sicht den richtigen Weg zu gehen. Darin liegt der Unterschied des Schmetterlingseffekt zum Schneeballeffekt: Wir wissen nicht was passieren wird, es kann eine Katastrophe werden. Oder vielleicht auch nicht.

Quellen:

Den nicht erzählbaren Anfang der Welt erzählen. Über „Chaos“ und Genesis in Hesiods Theogonie. Wilfried Barner.
https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/chaostheorie/2778
Predictability: Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas? Edward N. Lorenz

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