Kurioses

Exhausto rubore

Ein Tag in meiner kleinen privaten Bibliothek, die bald 1000 Einzeltitel umfasst, ist wie ein Spaziergang. Man stößt auf hoch und breit gewachsene Bäume, die erinnerungsschwere Äste tragen, das sind die Bücher meiner Jugend. Ich stolpere über einen nicht sehr kleinen Stapel Hirn-Ausknipser, Bücher, die ich ob ihres einfachen Strickmusters in einer Stunde gelesen und genau so schnell wieder vergessen habe, genau nur zum Zweck des Hirnausschaltens.

Meine Bibliothek, aus Platzgründen mehrheitlich im alten Kinderzimmer in umfunktionierten Kleiderschrank und Schreibtisch untergebracht, ist Zeugnis meiner Streifzüge durch sowohl große anonyme Buchhandlungen, meist ging ich da kein zweites Mal hinein, als auch verstaubte-und deswegen wohlriechende- Antiquariate, Flohmärkte und nicht selten im Altpapier. Alte Werke kaufte ich nie gerne in neuer Auflage, mich störte die moderne Vermarktung- nahm dem Buch seine Reife.
Auf solchen Streifzügen sammelte ich schon mal “Werke” ein, deren Fragwürdigkeit mir erst beim Lesen bewusst wurde.

So geschehen mit “Die Ladies von Missalonghi” von Colleen McCullough.
Zur Handlung: Alte, sprich 33jährige, Jungfer in verarmten Verhältnissen heiratet mit einer List: sie gibt vor nicht mehr lange zu leben zu haben- also sei der Auserkorene sie eh bald wieder los und mache ihr auch noch einen Gefallen, da er sie vor dem Tod als verstaubte ewig-braun-tragende Jungfer bewahre. Der Auserkorene, kurz verdächtigt seine erste Frau ertränkt zu haben, gelangt seinerseits zu großem Reichtum, indem er die Familie der Jungfer überlistet und so, zufälligerweise, ihr damit einen anderen großen Gefallen tut. Ach und ein Gespenst kommt auch noch vor.

Man mag jetzt ob der packend wendigen Handlung überrascht sein, dass das Buch nicht zum vollen Erfolg wurde, sondern ob eines Plagiarismus-Vorwurfs. Mich verwundert in dieser Sache nur, dass es ein zweites ähnlich entartetes Buch geben soll (ich werde berichten).
In der deutschen Übersetzung war man entweder zu prüde Sexszenen zu übersetzen, oder das Resultat ist der merkwürdigen Symbiose von Pseudo-Anstand und Deeskalation geschuldet. Im Vergleich zum Original werden die erotischen Anspielungen gänzlich ausgelassen und John Smith stellt sich im Deutschen lediglich ungehobelt und bärtig da, während sein englisches Pendant mit gewaltbereitem Sprech nicht spart: “(…) Not rape her exactly, just force her a little…”

Weiter ging mein Streifzug, dabei stieß ich auf ein kleines brustschwaches Büchlein in nobler Bindung. Wer glaubt, nicht auch Bücher könnten über fehlenden Inhalt durch ein zurechtgebürstetes Äußeres hinwegtäuschen, täuscht sich. Dieses “Werk”, kaum mehr als ein Potpourri aus billigen Zitaten und Plattitüden, will den Eindruck erwecken, dass alles Relevante zu dem Thema gesagt sei – auf 63 Seiten: Politische Korrektheit
(Wer hat jetzt kurz die Augen gerollt?)

Ich werde mir schon was dabei gedacht haben, oder auch nicht und ließ mich blenden. Mir war der Autor völlig unbekannt, im Nachhinein recherchiert, ist es ein CDU-Politiker ohne Expertise in what so ever, aber am allerwenigsten in dem erörterten Thema.
Ich jedenfalls kam aus dem Augenrollen nicht mehr raus. Wer sich schon eine fundierte Meinung zur Obsoleszenz einer politisch korrekten Sprache gebildet hatte, konnte nunmehr nach dieser Lektüre seine Meinung auch noch mit prominenten Zitategebern, wie Umberto Eco, schmücken.
Solche, wie ich, die glaubten, es könnte ernsthaft möglich sein, dem Thema kurz aber prägnant die notwendige Bedeutung geben, war schwer geschlagen. Hätte ich es nicht wissen müssen, fragt man sich zu Recht.

Ein alter weißer Mann erhöht sich in einer für ihn typischen Art: es sei “Gesinnungstyrannei“; er glaubt am Beispiel der Entwicklung der Begriffe “black american” stichfest eine “Euphemismus-Tretmühle” erkannt zu haben. Die “Meinungsvorherrschaft der Ökoguerilla” habe uns eine “Ersatzreligion” auferzwungen.
Eine “feministische Daueragitation” habe zu einer “veränderten Hörgewohnheit” und zu einem “grausam entstellten Quotendeutsch” geführt.
Und wer kann ihm schon was entgegensetzen, wenn er Orwell zitiert? Schließlich führt bewussteres Sprechen zwangsläufig zu Manipulation der Bevölkerung durch Verhinderung des selbstständigen Denkens. Aha. Na dann.

Caïn (dt. Kain) von Henri Vidal im Jardin des Tuileries (Paris), 1896.

Ich habe die Bücher nicht zum Altpapier getragen, auch nicht in den Ofen geworfen. Da es natürlich nicht angeht, seine Bibliothek künstlich auf hohem Niveau zu halten.
Nicht nur muss ich Mut zur Lücke als auch Mut zur Trivialität (und manches Mal bishin zur Debilität) beweisen- ganz ohne Schamesröte (exhausto rubore).

3 thoughts on “Exhausto rubore”

  1. Wir finden deine Post echt toll und haben sie schmunzelnd gelesen 👍
    Wir sind Büchersammler, die, ehrlich gesagt, ihre Bibliothek auf zweifach hohem Niveau halten, erstens vom Inhalt her, zweitens vom Aussehen und Zustand der Bücher her, dazu kommt noch, oh dear, dass wir gebundene und signierte Erstausgaben sammeln. Da unser Masterchen Autor und Lektor war, kamen wir leicht an solche Exemplare. Aber wir fragen uns oft, ob man in seinen Sammelgebieten nicht alles zu dem Thema sammeln soll, auch wenn man es selbst für Schund hält oder wenn das Taschenbuch schon auseinanderfällt.
    Wir finden es immer spannend, wie andere Bücherfreunde ihre Bücher ordnen. Wir ordnen nach Sachgruppen und innerhalb der Sachgruppen nach Alphabet. Man sollte ja die Bücher, die man sucht, schnell finden. Uns hilft dabei auch ein BibliotheksApp. Schwierig ist es neue Bücher unterzubringen, wenn es keinen Regalplatz mehr an der entsprechenden Stelle gibt. So liegen Bücher auf Bücher oder stehen vor Büchern. Wenn das überhand nimmt, sortieren wir blutenden Herzens aus.
    Mit herzlichen Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂
    Hier bekommst du einen kleinen Einblick in unsere Bibliothekhttps://kbvollmarblog.wordpress.com/2013/01/29/masters-books-i/

    Liked by 1 person

    1. Vielen Dank für diese liebe Nachricht, ich kriege noch viel Feedback und dann freut mich eine solche noch viel mehr! Erst gestern dachte ich, ich muss die Bücher bei ordnen und wollte etwas so abgedroschenes tun wie in männliche und weibliche Autoren gliedern, aktuell lässt sich objektivierbares Sortierystem erkennen, grob nach Thema (Familienepos, Weibliche Hauptrolle, Krimis, anderes…) 🙂
      Lg aus Innsbruck!

      Liked by 1 person

      1. Du bekommst erst dann Followers bei WordPress, wenn du andere Blogs besuchst. Zumindest muss du die besuchen, die dich besuchen. Es ist das alte do-ut-des-Prinzip.
        Sortierprinzipien gibt es viele. Es kommt darauf an, wie du deine Bibliothek benutzen möchtest. Am einfachsten und zugleich sehr sinnvoll ist es, das alphanumerische internationale Bibliothekssytem zu benutzen. Wir ordnen gemäß unserem Interesse z.B. Literatur aus den skandinavischen Staaten, Literatur über Literatur aus Skandinavien, Landeskundliches Nordeuropa, Polargebiete. Das sind z.B. 4 Kategorien von uns, die sich ein Zimmer mit nautischer Literatur und Seeräuberei teilen. Das Problem bei deinem Sortiersystem z.B. männliche und weibliche Autoren wäre bei uns, dass wenn wir ein Buch suchen, wir oft nicht erinnern, ob der Autor männlich oder weiblich ist, so ging’s uns neulich bei PD James. Ein anderes Problem ist, dass wenn die Kategorien zu groß sind, sie sich nicht bewähren. Man ordnen ja, um schnell wiederzufinden.
        Liebe Grüße aus Cley next the Sea
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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