Berührt, Gelebtes

Anhalten

I will arise and go now, and go to Innisfree,
And a small cabin build there, of clay and wattles made:
Nine bean-rows will I have there, a hive for the honey-bee,
And live alone in the bee-loud glade.

And I shall have some peace there, for peace comes dropping slow,
Dropping from the veils of the morning to where the cricket sings;
There midnight’s all a glimmer, and noon a purple glow,
And evening full of the linnet’s wings.

I will arise and go now, for always night and day
I hear lake water lapping with low sounds by the shore;
While I stand on the roadway, or on the pavements grey,
I hear it in the deep heart’s core. (The Lake Isle of Innisfree, W.B. Yeats)

Alleinsein. Einsamkeit. Das eine ist eine objektivierbare Momentaufnahme. Das andere die emotionale Orientierungslosigkeit an von dunklen Wolken verhangenen Tagen, an denen die Aufgabe der Verletzbarkeit unumgänglich wird, aber als Belohnung Ruhe verspricht.

Das erste haben all die, die es nicht mussten, konnten oder gar wollten, dieses Jahr gelernt.
Der Mensch sei ein Herdentier. Könne nicht allein sein. Stimmt wohl. Aber ehrlich betrachtet sind wir doch immer für uns, auf einem Sessel hat nur einer Platz, wenn zwei auf demselben Platz nehmen wollen wird es für beide ungemütlich. Wir gehen mit manchen denselben Weg, aber wir täten vor lauter Straucheln nicht einen Schritt weiter kommen wollten wir versuchen dieselben Schritte zu tun. Du kannst neben mir gehen und ich geh neben dir, gerne lauf ich vor.

Die Introsepektion war unausweichlich. Was mit sich anfangen, wenn der eigene Kosmos beim Fensterbankl aufhörte und der einzige Nervenkitzel eben dieses Fensterbankl im 2. Stock war, aus dem ein Bein hing?
Im Lichtkegel dieser Introsepektion liest man lose rum liegende Gefühlsperlen auf, steht plötzlich an Kratern, die Verletzungen geschlagen haben, über die man schnell einen alten Teppich namens Verdrängung geschoben hat. Man verfängt sich in Spinnweben von alten Fehlern und liegengelassenen Lektionen.
In diesem Lichtkegel schreibt man einen vierseitigen Brief, der den Schreiber mehr über sich lehrt, als den Empfänger. Man trägt die Worte, Anekdoten, Zitate mit sich rum und lässt sie in dem Licht schweben und poliert sie wie Diamanten, bevor man sie zu Papier fallen lässt. Dieses Papier faltet man vorsichtig um diese Herzperlen und traut sich sich zu offenbaren. Man bemüht stets Rilke, wenn die eigene Lyrik endenwollend ist und schwelgt in seinen wie Schneeflocken schmelzenden Logik.

Es vergehen Wochen, am Spiegel wurde Lippenstift an Mantras zerstört. Sie werfen Schatten und geben Halt.
Das eigene Bücherregal begehen im selben Genuss, wie die Lieblingsbuchhandlung, man tut so, als ob man nicht eh genau wüsste, wo welcher Roman in welcher Ordnung steht: links Bücher zum Thema „Frühlingserwachen“, rechts ein Sammelsurium aus Popkultur und Sachbüchern. Ein sachtes über die Buchrückenstreichen entscheidet, welches als nächstes aufgeklappt wird. Ob das nun Virginie Despentes Erzählkunst wie im Boxring ist, oder das Melodische in Köhlermeiers Schreibweise.
Man ist bedauerlicherweise schlecht ausgerüstet mit sogenannter leichter Lektüre. Aber Jojo Moyes macht seekrank und nach Danielle Steel betrauert man das vergeudete Papier.
Leicht ist das, was man nach Arundathi Roys “Das Ministerium des äußersten Glücks“, empfindet, gerade weil es so mitreißend ist.
Romantik findet man in “Krieg und Frieden”, stets in Begleitung fein gemeißelter Charakterstudien. Wo ist der Mut zu opulenter Gefühlsäußerung hin verschwunden? Wann machte sortierte Analyse der völligen, uneingedenk der Verluste, Hingabe Platz?

Ich weiß nicht, seit wann ich sie liebe. Aber ich habe nur sie, sie allein, in meinem ganzen Leben geliebt und liebe sie so, dass ich ohne sie mir kein Leben vorstellen kann. Jetzt um ihre Hand zu bitten, wage ich nicht; aber der Gedanke, sie könnte vielleicht die Meine sein, und ich versäume diese Möglichkeit, ist entsetzlich.

Pierre über Natascha, Krieg und Frieden

Was ist Liebe?
Nämlich dies:

This was love: a string of coincidences that gathered significance and became miracles

Half A Yellow Sun, Chimamanda N. Adichie

Man weint, lacht und nickt zustimmend.

Es bedarf keines Lockdown um sich in Büchern zu verlieren, sich in ihnen zu betten, wenn man vor dem Krater sitzt und nicht weiß, wie sanieren, dann liest man. Liest und liest und liest. Für einen Augenblick entscheidet man in keiner Welt zu partizipieren. Es ist kein Weglaufen. Nur Anhalten. Aus der Bodenlosigkeit einen Segelflug zu machen, aus den Tränen einen Ozean und aus den Sorgen Pusteblumen.

 Wenn meine Tränen Regenbogen malen 
Dann will ich die Wolken akzeptieren
Dann will ich dem Nasskalt Boden geben,
Dass es Blumen zieht, Wo meine Sehnsucht sähte.
Wenn meine Tränen Regenbogen malen
Dann will ich ihr Salz auffangen
Und Meer schmecken,
Auf der ich setze mit windgeblähten Segeln
Dem Regenbogen entgegen.  

Vom Neujahrstag ruht
Die Stimmung auf den Gipfeln
Im Wind der Kiefern

Tozan

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