Gelebtes

Unsere Großmutter – Our Grandmother

Ich möchte von unserer Großmutter erzählen. Sie wurde 91 Jahre alt.

Gnawathi Mallika Dewanarayana wurde 1929 in eine kinderreiche Familie (das nahm sie sich wohl auch zum Vorbild und gebar selbst 8 Kinder) geboren.  Die Welt lag zu diesem Zeitpunkt in den Ketten der großen Depression und bebte zwischen zwei Weltkriegen. Auch die srilankische Wirtschaft wurde von der Weltwirtschafskrise mitgerissen, Hauptexportmittel waren Tee, Kautschuk und Kokosnuss, die Nachfrage danach sank und Menschen verloren ihre Arbeit. Als unsere Großmutter drei oder vier Jahre alt war, wurde das Land nach einer schwere Dürre-Phase vom schwersten Malaria-Ausbruch heimgesucht, kaum dass man die ökonomische Krise zu verkraften began: In den Jahren 1934 und 1935 dokumentierte man knapp 1.5 Mio Fälle (bei einer damaligen Population von 6 Mio) und ca. 80.000 Menschen starben in Sri Lanka an Malaria. Heute gilt Sri Lanka als malariafrei. (WHO, Past malaria epidemics in Sri Lanka – an analysis, Punsiri Fernando).
Als der 2. Weltkrieg ausbrach war Gnawathi 10 Jahre alt. Sri Lanka erlebte, als Vorwehe zu den Unabhängigkeitsbestrebungen, eine Welle an Streiks und mit dem Fall von Singapur wurde Sri Lanka zu einer britischen Militärstation.

Kaum hatte Sri Lanka 1948 (Dominion Ceylon) den ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit getan, litt das Land an den Krankheiten der Nachkriegszeit. Rationalisierung von Reis und stattliche Zuschüsse sollten die Preise für das Grundnahrungsmittel stabil halten. Aber die Zuschüsse überstiegen das Budget und ein drastischer Preisanstieg führten zu den ersten schweren Streiks (Hartal) nach der Unabhängigkeit.

1953 war unsere Großmutter seit 3 Jahren verheiratet und hatte zwei Söhne geboren. Sie lebte mit ihrer kleinen Familie Anfang der 50er Jahre in der nördlichen Provinz Sri Lankas. Mit der Deklaration des „Sinhala Only Acts“, das Sinhala als offizielle Sprache Englisch ersetzen soll, kam es zu den ersten Auseinandersetzungen zwischen den ethnischen Gruppen in Sri Lanka und eine dunkle Ära sollte Einzug halten und unsere Großeltern verließen schweren Herzens Jaffna.
Ein harter politischer Kurs unter Sirimavo Bandaranaike, der ersten weiblichen Premierministerin der Welt, der ethnischer Diversität keinen Raum gab, führte zu einer zunehmenden Entfremdung der tamilischen Bevölkerung.

1983 galt als das Jahr, in dem der Bürgerkrieg begann. Aber das Feuer loderte bereits Jahre zuvor als 1981 die öffentliche Bibliothek in Jaffna durch paramilitärische Gruppen in Brand gesetzt wurde.
1983 hielt Gwanathi ihr 5. Enkelkind, mich, in ihren Händen.

our grandmother with just a fraction of her grandchildren

Unsere früheste Kindheit verbrachten wir unter einem Dach mit unseren Großeltern und zwei ihrer jüngsten Kinder. Ich habe unsere Kindheit als eine wunderschöne in Erinnerung. Unsere Großmutter war für ihre kaum 1.50m Körpergröße gewaltig in Wort und Lautstärke. Ihre winzigen Füße schlüpften in unschuldige Zehentrenner während sie über dieses und jenes zeterte. Sie und unser Großvater hätten unterschiedlicher nicht sein können. Er liebte Tiere und Pflanzen und wir unterhielte eine inoffizielle Tierauffang-Station in seiner Werkstatt, in dem wir zu Boden gefallene Eichhörnchen aufpäppelten und abends Geckos fütterten. Nur auf sein Insistieren hielten sie einen Hund, einen gemeingefährlichen Dackel, der niemals das Haus betreten durfte und zum Dank dafür Omas Schuhe zerbiss. Die Katzen wusste es auch der Großmutter aus dem Weg zu gehen. Nein, sie hatte es nicht so mit Tieren. Sie sah in ihnen nur den Nutzen, so wie in den Kühen und Hühnern, die wir hielten.
Unsere Großmutter war Heimeligkeit pur. Ihre feinen kleinen Hände bereiteten Gerichte in derselben Begeisterung zu, wie sie auch versuchten das Essen in unsere Mäuler zu bringen. Sie machte es sich zu einem Leitsatz, niemals das Essen von gestern zu essen. Lieber hungerte sie, bis man ihrem Willen nachgab.
Mit ihr würden wir jeden Abend das Abendgebet vorbereiten, ich würde unter ihren strengen Augen die schönsten Blüten der Wathusudda pflücken, vorsichtig waschen und auf einem kleinen Teller anrichten. Zu den Füßen einer kleinen Buddha- Statue verbreiteten die Blüten ihren intensiven Duft und ein Räucherstäbchen raucht schweigend neben ihr.



Während ich für diese Erzählung recherchierte und in Erinnerungen stöberte, fällt mir auf, was uns allen am Ende eines Lebens wohl auffällt: wir haben zu wenig geredet. Wir haben zu wenig in den Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern gestöbert.
Was haben unsere Großeltern in einer der dunkelsten Zeiten ihres Lebens erlebt? Was waren ihre großen Verluste und was ihre Glücksmomente?
Ich habe diese Schnipsel von Erinnerungen an meine Großeltern in Sri Lanka, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits. Zu allen Großeltern hab ich ein markantes Erinnerungs-Juwel. Zu meiner Großmutter ist es ihr Kuss an die Haargrenze und ihre weichen Hände.

Wenn Großeltern gehen, verliert Familie ein wenig von ihrem Kit. Das Mosaik, das Familie so reich und schön macht, droht zu Bruch zu gehen.
Ich möchte dieses Mosaik in einen golden Rahmen hängen und unter den stolzen Blick unserer Großmutter stellen. Familie ist ein Blumenstrauß an genetisch Zusammengeführten und durch Leid und Freude Verbundenen. Die Vase dieses Straußes sind unsere Großeltern und das Wasser darin Liebe, Respekt und Demut allen ihren Blumen gegenüber.


3 generations

I want to tell a story about our Grandmother. She died 91 years old.

Gnawathi Mallika Dewanarayana was born 1929 into a family with many children (where she probably took a leaf out and had herself 8 children).
The world was experiencing the bitterness of the Great Depression and was reverbeating between two world wars. The Great Depression affected the srilankan economy in many parts. Main export articles being tea, rubber and coconut. With the decline in export people lost their livelihood.
When Gnawathi was about three or four years old, after only briefly recovering from the economical crisis and a severe drought, the country suffered its worst outbreak of Malaria: 1.5 Mio cases of Malaria (the population in Sri Lanka was 6 Mio) were documented in the years 1934 and 1935 causing 80.000 deaths.  Today Sri Lanka is malaria free (WHO, Past malaria epidemics in Sri Lanka – an analysis, Punsiri Fernando).

When the 2. World War broke out Gnawathi was ten years old. Sri Lanka was experiencing premonitory to its independence a wave of strikes and with the fall of Singapur it became a British military base.
Just when Sri Lanka took its first steps towards independence in 1948 (Dominion Ceylon) it was still suffering from the post-war illnesses: governmental subsidies and rationalisation of rice caused a Hartal, when subsidies exceeded budgets and the government reacted with cutting subsidies causing the rice-price to skyrocket.

In 1953 our Grandmother had been married for three years and had two little sons. She was living in in the northern province with her small family. With declaration of the „Sinhala Only Acts“, Sinhala became the official language replacing English. This caused the first conflict among ethnic groups in Sri Lanka and a dark shadow was looming over the country. Heavy-heartedly our grandparents left Jaffna.

The fierce political course under Sirimavo Bandaranaike, the world first female prime minister, gave no consideration to ethnic diversity and thereby deepened the alienation of the tamil population.

1983 was thought to be the year the civil war began. But the fires were burning years before that when in 1981 the public library, one of Asia’s most important and richest libraries, was set on fire by paramilitary groups.
In 1983 Gnawathi was holding her fith grandchild, me, in her arms.
our grandmother with just a fraction of her grandchildren

Our earliest childhood we spent under the same roof as our grandparents and two of their youngest children. Our childhood I remember as a very blessed one. Our grandmother was barely 1.50m in height but gargantuan in word and voice. She would be ranting about this and that while camly putting her tiny feet in slippers. Our grandparents couldn’t have been more diverse. While he loved flora and fauna and was keeping an inofficial animal shelter with us in his workshop, where we would nurse squirrels who fell out of trees and give dinner to geccos. That we had a dog, albeit a nasty dachshund, was only based on his insistence. The dachshund was never ever allowed inside the house, to show his gratitude he would eat her shoes. The cats were wise enough to avoid our grandmother at any cost. She had no heart for animals, they were livestock, no matter whether cow, dog or chicken.

Our grandmother was the essence of cosiness. Her soft delicate fingers would prepare food with the same buzz as she would try to get that food into our mouths. She had a strict mantra, upon which all of us had to obey: She would never, under no circumstances, eat yesterday’s food. She’d rather go on a hunger strike until we gave in.

Every evening we would prepare the evening prayers. Under her strict supervision I would pluck the most beautiful petals auf the Wathusudda, rinse them carefully and arrange them neatly on a little plate. Their intense fragrance would radiate at the feet of a small Buddha figure and an incent stick would gleem calmy at the side.

While I was researching for this tale and rummaging through my memories, I noticed one thing, we all notice, but too late: We haven’t spoken enough. Wie haven’t rummaged enough in the memories of our parents and grandparents. What did they experience in the darkest times of the 20th century? What were their greatest sorrows and most treausered moments?
I have this pieces of memories of all my grandparents. For everyone of them I treasure a memory gem. The memory gem for my late grandmother is this: her forehead kisses and the softness of her hands.

When grandparents leave us, family lose some of their kit. The mosaic, that makes families rich and beautiful threatens to break. I want to put the mosaic in a golden frame and hang it in sight of the proud eyes of our grandmother.
Family is a flower bouquet of genetically merged and bond by sorrows and joys. The vase for this bouquet are our grandparents and the water the flowers nourish from is love, respect and humbleness toward each flower.
3 generations

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