Berührt

Der Weg, der im Gehen zum Weg wird

Sonntag morgens ist alles still. Ich trippele durch die Wohnung und beschließe den Tag im Pyjama zu verbringen. Konsequent. Ich nehme die Wäsche ab und falte Unterhosen. Im Radio erzählt die Nachrichtensprecherin von der italienischen Coronar-Virus-Panik. Irgendwann singt eine Künstlerin darüber, dass sie jemanden begehrt und ihn finden wird, egal wo er sich versteckt. Ein sexy stalking-Song?
Ich sortiere meine Wäsche in die Schublade, wundere mich über den Haufen an Unterhosen und über den überwältigenden Anteil an „kneift nicht- ist breit genug“-Teilen unter ihnen.
Zeit für einen Kaffee. Den ersten Schluck nehme ich während ich den Blick über das Waschbecken streifen lasse und die Hängeordnung der Löffel auf 2cm angleiche.
Sonntag. In Zeitlupe.

Ich habe dieses kleine Etwas
weggeworfen,
das man „Ich“ nennt,
und ich bin die unendliche
Welt geworden (Soseki)

Am Tisch nehme ich in der Kuhle, die das Kissen durch regelmäßige Druckausübung für mich geformt hat, Platz und versuche als allererstes, wie immer, Skifahrer auf der Seegruber auszumachen. Wie immer vergebens.
Es ist kurz vor 11 Uhr. Von der Nordkette schwelgt mein Blick auf das überladene Deko-Ensemble auf dem Tisch, die eine heimliche Symphonie anstimmen: In absoluter Dekadenz neigen sich die Orchideen- Blüten, aneinanderschmiegend, gen die neben ihnen unbewegt und unbelebt ruhende Kunst-Magnolie, die mich an die Freude erinnert, die ich im Mai haben werden, wenn die ersten Magnolien blühen.

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Paul Celan und Irmgard Keun balancieren in ihrer Weisheit und machen mich regelmäßig staunen. Auf Keuns gewitztes „Vater unser; mach mir noch mit einem Wunder eine feine Bildung- das übrige kann ich ja selbst machen mit Schminke.“ erwidert Celan in reduzierter Nüchternheit „Schwerer werden, leichter sein“ Immer wieder. Die simple Gewalt dieser Wahrheit. Schwerer werden.
Ein Famulant hat mir zum Abschied eine Tasse geschenkt, mit den Worten „für deine Stifte, danke!“ Auf der Tasse steht Hoffnung. Ich bin seinem Tipp gefolgt und habe ein paar Kugelschreiber darin deponiert. In der Hoffnung darin kumuliere die Muse, schwappt über und materialisiert sich auf Papier.
In einer kleinen Streichholzschachtel, die von einem Notenblatt verkleidet ist, ruhen aus Orangenschale gestanzte Sterne. Eine Patientin hat sie mir geschenkt. Ab und an bewege ich die Lade auf und tauche meine Nase in die Orangensterne. Ich denke an Menton, das beste Croissant am Meer. Von Menton komm ich auf Verona, da kaufte ich eine Zuckerdose, dessen Löffel sowohl von Mutter als auch vom Bruder gebrochen wurde. Eine lange ungeschälte Steinnuss aus dem ecuadorianischen Amazonas kullert nunmehr geschält aber unpoliert um die Sanduhr, die ich nie ihrem eigentlichen Zweck entsprechend verwende- sondern nur um dem Sand beim herabrieseln zu beobachten, herum. Auf der Fensterbank steht das Band „Ausgewählte Werke XXII“ der Bibliothek für deutschsprachige Gedichte. Darin mit einem kleinen Tippfehler abgedruckt auf Seite 527:

Lampions
Wenn du lachst,
Pocht mein Herz in den Ohren,
Mein Bauch dein Resonanzkörper.
Deine Berührungen erleuchten
Lampions im Nebel.
Du malst einen Sternenhimmel der Innigkeit.
Wir weilen ineinander,
Wie frisch aufgebettet legt sich mein Hals
An deinen Kuss.

Zum Kaffee hat sich die Zen-Kurzgeschichten-Sammlung „Die Fahne und der Wind“ gesellt. Purer Zufall. Aber das Leben ist eben geplanter Zufall. Die Ruhe, die ich gestern dringend gebraucht hätte, als der Tunnel um mich immer enger wurde und der Elefant in mir sich eingesperrt fühlte und begann um sich zu treten, erwartete mich in meiner vertrauten Umgebung. Dieser Tisch, der etwas wackelt und sich davon durch keinen Schraubenzieher der Welt abhalten lässt, dieser Platz und dieser Blick.
Mein Sonntags-Brunch besteht heute aus einem beschwingten Disengagement und behaglicher Gleichgültigkeit in der Betrachtung meines Stil-Lebens des Zugegenseins.


Japan in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter dem Shogunat von Ashikagaka. Ein in den Bergen verstecktes Kloster. Vier Zen-Mönche haben beschlossen, ein Sesshin in absoluter Stille abzuhalten. Sie haben ihre Zazen-Haltung eingenommen. Es ist Nacht, und es herrscht eine beißende Kälte.
»Die Kerze ist ausgegangen!« ruft der jüngste Mönch.
»Du darfst nicht sprechen! Wir sind im Sesshin, und da herrscht absolutes Schweigen«, fährt ihn ein älterer Mönch an.
»Und du? Warum sprichst du, statt zu schweigen, wie wir vereinbart haben?«, bemerkt der dritte Mönch spitz.
»Ich bin der Einzige, der nicht gesprochen hat!«, sagt zufrieden der vierte Mönch.


I was stumbling over patches of freshly blooming flowerbeds.
A smile would catch me, and the sun tickled a sneeze,
there was a spot, hidden deep within. It had it all.
Light, shadow, corners and softness.
A breeze flapped open windows in my chest, letting in clouds of lightness and
swirling the dust my heart has gathered.
Questions as high as trees flanked my way. A little drizzle of
inpatient question marks was dripping on me.
I imagined them to be snowflakes and I held my head high and
opened my lips. They tasted
sweet and as they melted so did the bitter aftertaste of the
Unanswerable.

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