Gelebtes

Gras über Graz

Zum 37er nach Graz.

Was war Graz mit 19 doch für eine pulsierende, möglichkeitsschwangere Stadt! Das Tor zur Welt. Die Wiege einer neuen Version meinerselbst. Die Werkstatt des Werdens oder Versagens.
Der Test des objektiven Ichs im Sumpf anderer postpubertärer und aussichtsloser Studierender.
Aus der Kinderstube mit dem Bruder in die teppichbodenverlegte Gratwanderung des Studentenheims.
Verdammt noch eins: der erste echte Freund!
Wollte ich einer jungen Frau einen Rat geben: bloß nicht so früh und schnell etwas für die Ewigkeit eingehen! Das Studium ist doch der Inbegriff permanenter Umwälzung! Ein hartnäckig unterenährtes Konto, die Herausforderung sich aus dem Kräftemessen mit anderen herauszunehmen und der kühle Wind der Selbstwahrnehmung.
Mein erster ernstgemeinter Versuch Mascara statt dem löchrigen Lieblingspolo zu tragen, weil die anderen Studentinnen so einschüchternd sophisticated waren. Sich für einen verschwitzten Hörsaal hübsch machen? Nicht logisch. Ich ließ es dann auch ziemlich schnell bleiben. Der Mascara überlebte die gesamte Studienzeit.

Ich laufe heute an manchen Lieblingsplätzen vorbei: der charmant-chaotischen Bücherstube, der dankenswert günstigen Restbuchbörse, meinem Lieblingscafé Beanery. Ich gucke in Schaufenster und beobachtete die überkontrastierte Grazer Hautevolee.
Das Café Buna spielt gerade eine Blues Brothers longplay.

Wann entwächst man einer Stadt, einem Leben? Wann geht man neue Wege und lässt Gras über alte wachsen?
Wann findet man den einen Platz, an dem zu bleiben sich richtig anfühlt und den Zahn der Ungeduld und Neugier auf neue Tapeten zieht?
Wann wird sich niederlassen abgekoppelt von Stillstand.
Würde es mir helfen, Angst vor einem Neubeginn zu haben? Denn ich liebe das Unbekannte und: Meine mir liebsten sind in der Ferne und wie ich finde, funktionieren diese Freundschaften hervorragend (man möge mich korrigieren). Meistens war ich es, die die Distanz geschaffen hat. Ich finde Weggehen gut, neue Horizonte, neue Couch, kein Rost, neue Spuren, andere Bänke, auf denen man Platz nehmen kann um sich seinen Weg anzusehen. Freundschaften halten das aus. Echte halten das aus.
Wie sagte Rochefoucauld so schön, “Absence makes the heart grow fonder” – hat er natürlich nicht, schließlich war er Franzose:
L’absence diminue les médiocres passions, et augmente les grandes, comme le vent éteint les bougies, et allume le feu.

Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken, mein Zuhause nicht auf einer Landkarte festzupinnen. Vielmehr ist es in den Heimen derer, die mein Herz wärmen.
So wie hier in Graz. Die Stadt selbst liegt in der Vergangenheit. Aber nicht die Menschen, die sämtliche Phasen meiner Quirligkeit mit Gelassenheit und Statik aufnehmen.

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