Gelebtes

Herkunft

Herkunft. Saša Stanišić gewinnt mit seinem Roman den Deutschen Buchpreis 2019.

Herkunft-Provenienz-Abstammung-Quelle-Ursprung-Ansatz-Ausgangspunkt. Unser gemeinsames schiefes Lächeln, Insomnie und schlanke Finger. Meines Vaters Nase, sturmzersaustes Gemüt und großes Mundwerk.
War das nicht genug des Erbes? Dieses Erbe war nicht nur die Hälfte zweier Menschen, sondern deren Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Idealvorstellungen an das von ihnen Geschaffene. Der Anspruch des Künstlers an sein Kunstwerk. Wann spränkelt sich in dieses Leben”schenken” das Machtgefühl? Ist das immer so?
Meine Herkunft ist die Herkunft meiner Eltern. Ihre Erziehung, ihre Traditionen, ihren Glauben und ihre Bräuche zu übernehmen, ihren Wünschen und Hoffnungen zu entsprechen und ihre Sprache atmen war der Preis für mein Hier-sein-dürfen. Eine Existenz auf Schulden, die ich nicht begleichen kann. Die Grenzen zwischen Erwartungen und eigenen Vorstellungen verschwommen wie Öl in Seifenwasser. Also habe ich ein Leben lang schlechtes Gewissen.

Wären wir in Sri Lanka geblieben, so wäre ich irgendwann schuldenfrei geworden.
Hier in Österreich türmen sich neue auf die alten Schulden. Integration, gar Assimilation? Mangelnde Deutschkenntnisse, die aus mir mit sechs Jahren eine Kakao-Diebin machten. So gute Deutschkenntnisse, dass man darin einen Fehler oder etwas Komisches finden wollte. Durfte ich in einer Sprache, die nicht den Uterus meiner Mutter auskleidete, mich finden und Hiesige in der Beherrschung übertreffen? Durfte dafür eine, mir zwar nicht fremde aber emotional nicht zugängliche, Sprache geopfert werden? Fehltritte waren vorprogramiert, es war der Versuch im Kreis zu hüpfen. In meiner Jugend war ich am Gängelband der elterlichen Drohung mich nach Sri Lanka zu schicken, würde ich nicht bald beginnen mich wie eine Singhalesin/Srilankin (übrigens die Bemerkung, auf unser singhalesich-sein so viel Wert zu legen sei diskriminierend, half meiner Argumentation wenig) zu benehmen.
War ich nun weniger Sri Lanka und zu viel Österreich? Zu welchem Anteil? In Sri Lanka war ich zu viel vom Österreichischen. In Österreich war ich je nach Lichteinfall und Physiognomie-Kentnissen aus Ghana, Äthiopien (oder Afrika, wer konnte sich schon merken dass das aus mehreren Ländern bestand), Brasilien, Indien oder Indonesien.
Nichts davon nahm ich jemanden krum. Ich wollte eh nirgendwo einsortiert werden.
Ich war die mit dem zu langen Namen, die dringend einen Mayer oder Schulz heiraten sollte bzw um der ersten Schritte in Kärnten gebührend Respekt zollend einen Mann, dessen Name auf “nig” endete.

Tony Morrison erforscht in ihrem Schreiben den Ursprung Anderer (“The Origin of Others“, Harvard University Press)

The resources available to us for benign access to each other, for vaulting the mere blue air that separates us, are few but powerful: language, image, and experience

Ihre Arbeiten befassen sich mit den Begriffen Rasse, Rassismus und “Color-ism“, die Andersstellung durch Betonung der Hautfarbe. Ihr Vorhaben, Farbe aus ihren Werken zu verbannen, Figuren in ihrem Kontext zu skizzieren, dass für den aufmerksamen Leser auch ohne der Farbgebung klar ist, welcher Herkunft jemand ist, beschreibt sie selbst als befreiend und hart zugleich.

Only caring unselfishly for somebody else would accomplish true maturity

Die Frage nach der Herkunft ist die imminente Frage der (Im)migration.
Aber was kümmert mich meine geographische Herkunft? Dafür kann ich nichts.
Wie wäre es mit der Frage nach der geistigen Herkunft?

Was bewegt dich und was sind deine Ideen? Lass uns über die Entstehung von Sprache sprechen! Die Unendlichkeit der Wörter und ihrer Klänge! Liest du Rilke und denkst dir auch, er war ein Außerirdischer, so verloren und einsam! Möchtest du Französisch sprechen und es verfängt sich in der Kehle?
Lastet auch dir eine Weltschmerz an?
Sind wir aus den gleichen bunten Seidenfäden von Traumbummelei, staunender Neugier und leichtfüßigem Innehalten in der Erkenntnis, dass wir komisch sind?

Haben wir vielleicht eine gemeinsame emotionale Herkunft? Erinnern wir uns an eine Puppe, die verloren ging, oder an eine, mit der wir nicht spielen durften, weil sie so schön war? Oder der Moment, dass man sich unter dem Bett vekriechen und gleichzeitig wie ein Gorilla brüllen wollte, weil die Eltern sich stritten. Sagt man dir auch nach, du seist etwas unnahbar und immer treibe es dich von denen, die du lieb hast, weg, weil dich die Welt ruft?

Die kosmische Herkunft! Ein Urknall hat uns produziert und uns versprengt.
Kennt ihr die Geschichte des extragalaktischen Neutrinos, das an die Antarktis reiste?

Dieses Neutrino war hochenergetisch und pfiff durch das Universum als dessen Hermes (“Bote des tiefen Universums“).
Wo kam dieses Neutrino her? Astronomen gingen auf Entdeckungsreise, guckten durch Teleskope und fanden schließlich die Herkunft dieses Neutrinos: von einer Galaxie im Orion, die in einer Entfernung von vier Milliarden Lichtjahre liegt! Das Herzstück einer solchen Galaxie nennt man Blazar – ein aktives Schwarzes Loch. Dieser zeigt Jets Richtung Erde und unser Neutrino war Teil davon! (mehr zu “Universum” gefällig? Hier lang)

Btw Neutrinos sind Linkshänder bzw antiparallel, die Kerlchen sind mir sympathisch, ich fühl mich auch oft neben der Spur.

Könnten unsere beider Herkunft nicht eine wunderbare Hängematte knüpfen und unsere Finger spielen Luftpiano während Neutrinos um uns rum flitzen…

It is a disturbing encounter that may help us with the destabilising pressures and forces of the transglobal tread of people. Pressures that can make us cling manically to our own cultures (…), can make us resist the commonness of humanity. ~T. MORRISON

Während ich an diesem Blogeintrag schrieb, laß ich u.a Jorge Bucays “Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“. Eine der letzten Geschichten handelt von einem alten Dattelpalmenpflanzer, der, während er Dattelsamen säht, die Mahnung vom einem Vorbeikommenden erhält, das sei ganz zwecklos, eine Dattelpalme brauche 50 Jahre zum wachsen. Der alte Eliahu erwidert:

Schau mal, Hakim. Ich hab die Datteln gegessen, die ein anderer gesät hat, jemand, der davon träumte, diese Datteln zu essen. Ich sähe heute, damit andere morgen die Datteln ernten können,…. Und wenn es auch nur zum Dank an diesen Unbekannten wäre, lohnt es sich, meine Arbeit hier zu Ende zu führen.

Leseempfehlungen zum Thema:
Homegoing, Yaa Gyasi
On Beauty, Zadie Smith
The Namesake, Jhumpa Lahiri
The Good Immigrant

Bild Quellen:
Bild 1 http://www.psychologies.co.uk
Bild Neutrino https://icecube.wisc.edu/news/view/628
lamenteesmaravillosa.com
http://www.pinterest.com

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