Entfaltet

Die mürrische Muriel

Wie mans macht, macht mans falsch. Ob in der Arbeit, wenn ein gut gemeintes “Ich mach das für Sie” zu dem generalisierten Verständnis führt, dass damit alles bis zur Pension gemeint sein wird. Oder die berühmt berüchtigte Frage “Wie geht es Ihnen?”

zu einer unfreiwilligen Teilnahme am autobiographischen Theater “Ja, heute geht es mir ja gut. Aber vor 35 Jahren, da ging es mir schlecht. Ich sag es Ihnen, darunter leide ich noch heute!” Wen kann es da noch weiter verwundern, wenn Suggestivfragen à la “Geht es Ihnen eh gut?” gestellt werden?
Der größte Fehler? In der Grippezeit die Hand schütteln! Saudumm!

Wer macht es wohl am öftesten falsch? Der Empathische unter uns. Empathie ist ja eine Tugend. Man kommt in den Himmel, kriegt Blumen und einen schöne Widmung am Grabstein “eine Seele von Mensch” oder ähnliches. Außer man wird kremiert, dann gibt’s den Platz neben der Asche vom Familiendackel.

Aber unter uns, Empathie ist völlig überbewertet! All der Aufwand jedwede vernunftwidrige Aktion mit maximalem Verständnis ob der Umstände zu rechtfertigen, öffnet ja nur Tür und Tor für eine vielleicht nicht enden wollenden Persönlichkeitsentfaltung.
Nur wenige Empfänger all dieser selbst- und kostenlosen Rat-auf-Draht Sitzungen denken, “Uh, der muss ich einen schönen Grabsteinspruch schreiben!”

Empathie im medizinischen Beruf ist eine Grundvoraussetzung, denkt man als Berufsanfänger und dann irgendwann eine Berufserkrankung. Ich muss mich in den Patienten hineinversetzen um alles zu verstehen. Ich kann euch sagen, wohin das führt, nach bald zehn Jahren des Mitfühlens: Man verliert sich selbst! Gestern habe ich einem Patienten die Melanom- Diagnose mitgeteilt, ich war aber gar nicht die erste. Empathie hilft da nicht. Der kognitive Ansatz des Theory of Mind, “die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen” hilft eher die Situation zu begreifen.

Empathies bester Kumpel ist das Verständnis. Verständnis. Ich hab ja Verständnis für alles! Es ist schier endlos.
Verständnis für den am Sonntag um 08:05 verdrießt der Verkäuferin ins Gesicht blickenden Herren, weil es stande pede keine 30 Semmeln gibt. Ist ja auch eine Unverschämtheit im Land der Semmeln.

Ich habe Verständnis für die katholische Kollegin, der, bei dem Anblick wie ich genüsslich am Karfreitag in eine Extrawurstsemmel biss, fast die Farbe aus dem Haar fiel. Meine Mutter hat mal eine Rüge von der Nachbarin bekommen, weil sie am Sonntag Bettlaken aufgehängt hat. Hätte Jesus eine Hand frei gehabt, dann hätte er der Nachbarin einen Vogel gezeigt. Aus lauter Verständnis für Religion war der Sonntag also seit diesem Tag in den 90er Jahren auch in einem buddhistischen Haushalt ein Ruhetag. Ich erdreiste mich zu behaupten, dass es allen Göttern dieser und anderer Welten egal ist, wann ihr eure Laken wascht.

Ich hatte Verständnis für die armen Kinder, die in einem Warteraum in Tripoli vor lauter Angst ihre Mutter unter all den Burkas nicht wieder zu finden, niemals ihre Hand losließen.

Ich habe Verständnis für die Krise des Arbeiters, der sich von uns Akademikern unterdrückt fühlt und davon träumt bei der Bastille-Erstürmung dabei gewesen zu sein um der Bourgeoisie den blanken Hintern zu zeigen.

Ich habe neuerdings auch Verständnis für Impfgegner. Ich wünsche euch viel Spaß mit Masern und der ständigen Brücke, die ihr wegen Tetanus turnen werdet!

Ich habe, unter viel Kraftaufwand und Selbstbeherrschung, auch Verständnis für den Mann übrig, der sich beim Anblick eines ausgezogenen BH an das Trauma des Raubs seiner Männlichkeit durch die emanzipierte Frau erinnert fühlt und ein Plädoyer auf den Untergang des Anstandes hält.

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Insgeheim bekümmert mich aber die Fragilität einer solchen Männlichkeit.
Meine Waffe ist also ab sofort ein adreter Büstenhalter! Total praktisch, weil immer dabei und groß genug um mehrere Gegner abzuwehren.

Irgendwann aber hat sich sowohl Empathie als auch Verständnis aufgezehrt. Ich beginne Spaß daran zu haben, kein Verständnis mehr aufbringen zu können.
Ich fange damit an, kein Verständnis für Männer zu haben (ich möchte hier gerne einen Punkt machen), die junge Ärztinnen als Dirndl bezeichnen aber junge Ärzte als gestandene Männer! Wir sind erwachsene Frauen ihr Neandertaler! Kaum zu fassen, ich weiß, aber unser Hirn ist nicht kleiner als eures und wir können ein Skalpell halten ohne männliche Unterstützung.

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Oder man wird einfach mürrisch.
Ich glaube, ich werde mürrisch. Und ich nenne mich Muriel! Die mürrische Muriel. Meine Vorbilder Daria und im Alter dann Violet Crawley, gespielt von der wunderbaren Maggie Smith

Ein kluger Artikel zu Empathie:
https://www.spektrum.de/news/empathie-laesst-uns-unklug-entscheiden/1485565

Bildquellen: pinterest, marieclaire.co.uk, https://tinyurl.com/y4uulsck,tvline.com

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