Gelebtes

Es geht unter die Haut

Sieben Tage einundzwanzig Stunden paar zerdrückte – wollen wir aber nicht so kleinlich sein. So lange ist bis zur Facharztprüfung.
Zehn Tage fünf Stunden und paar zerdrückte – aber wollen wir großzügig sein: gefühlte 100 Tage. So lange schlafe ich schon nicht mehr.
Drei Monate acht Tage paar Zerdrückte. So lange mache ich mir schon innerlich Stress. Dass plus/minus einem Tag (wer will dabei schon zu genau sein) man(n) mir das Herz gebrochen hat, konnte gar nicht mit genügend Tränen, Eiscreme und Gedichten wertgeschätzt werden. Prüfungsangst übertrumpft Liebeskummer.
Viele Zahlen, eine tickende Uhr, zehn Kilo Wissen, ein wackeliger Tisch und daneben ich.

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Wer hatte gedacht, dass Dermatologie so vor Zahlen (in meinen schlaflosen Nächten purzeln IL-10 über HLA-B27 und Jo-1 und Desmoglein 3 und 1 tanzen Polka!) übergeht, ganz zu schweigen von einer beinahe bei den Haaren herbeigezogenen (cave: Traktionsalopezie!, apropos das Haar ist eins der verdammt-kompliziertesten Anhangsgebilde, Schicht über Schicht über Schicht) Nomenklatur (Pityriasis lichenoides et varioliformis, Erythema gyratum repens, Lichen ruber planopilaris, Erythrosis interfollicularis colli) und wenn jedes Krankheitsbild nicht mindestens drei Synonyme (Dermatofribrom= Histiozytom= Fibroma durum= subepidermal nodular fibrosis) hat, dann ist das ein Schwachmat unter den Hauterkrankungen, dann hat jede zehnte Erkrankung irgendwas mit Herpes im Namen, hat nur nichts mit Herpes zu tun (Herpes gestationes= Pemph.gest, Impetigo herpetiformis= Psoriasis pustulosa,…). Ah und die Eigennamen, wir lieben die Herrschaften, die irgendeinen Ausschlag oder Syndrom nach sich benannt haben: Hallopeau und Buschke waren besonders busy!

Conradi-Hünermann-Happle-Syndrom, Gorlin-Syndrom- bitte unter keinem Umstand mit Gorlin-Goltz zu verwechseln? Waren Gorlin und Goltz mal verheiratet und in den Wirren eines Scheidungskampfes verstrickt? Wen interessiert es, es sind zwei VÖLLIG unterschiedliche Erkrankungen.

Klippel-Trenaunauy, wie spricht man das aus?

Man ist aber bestrebt die Eigennamen zu verlassen, tut mir leid Sneddon, und sie durch lateinische oder englische Zweizeiler auszutauschen.

Dermatohistologie ist spannend, die Begrifflichkeiten oft zum mit dem Kopf wackeln: salt and pepper, dirty feet, “gespinstartig” (ja, ich glaub manchmal wirklich Gespenster zu sehen!), sunburn cells, tombstone pattern, ‘interface Dermatitis’ – hat das was mit John Travolta zu tun? Bei Pigmentinkontinenz muss ich ständig auf die Toilette.
Bei so viel Kreativität, habe ich aus Ermangelung an Zeit, mich wirklich vertraut mit Histologie zu machen, meine eigene Begriffe für die Präparate festgelegt (ich befürchte nur, dass sie nicht allgemein gültig sein werden): Erythema nodosum schaut aus wie eine Schildkröte, der Lichen sclerosus et atrophicans wie ein aus dem Wasser springender Wal. Erschreckend viele Präparate schauen aus wie Atompilze! Das Xanthogranulom erinnert an einen Rochen.

Die Dermatologie ist echt ein Platzhirsch, es gibt kaum eine Erkrankung, die sich zum Leid der Assistenzärzte, nicht auf der Haut niederschlägt! Das erklärt auch die schlaflosen Nächte nach einem Nachtdienst, in denen einem die hundert möglichen Differentialdiagnosen im Hirn rumgeistern.

Das Fach redet in Bildern und, wie bereits erwähnt, in Bildsprache. In der Öffentlichkeit hält das richtig platzierte und auf der richtigen Seite (idealerweise das Kapitel über Gonorrhö oder die Seite mit dem “Fibroma molla pendulans“) aufgeschlagen unerwünschte, aber wohl ziemlich sicher auch potentiell erwünschte Gesprächspartner, ab. Eine Gratwanderung!

Ein besonderes Schmankerl (Nein, ich rede nicht von meinen Beinen, aber danke!) zum Schluss:

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Laut Lehrbuch verursacht durch “vehementen Koitus”, also Obacht da draußen! Ich möchte euch nicht in die peinliche Situation bringen, euch das zu erklären.

Faszinierenderweise finde ich das Fach trotzdem genial, ich seh’ zwar aktuell vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und alles fliegt durcheinander, aber ich steh da wohl nicht alleine da.

Ach ein Tipp: Bitte lasst die Finger von Allopurinol! Was für ein Scheiß-Zeugs! Macht nur Scherereien und verzweifelt die Assistenten.

Und: ein Hühnerauge ist kein Notfall!

4 thoughts on “Es geht unter die Haut”

  1. Erinnert mich stark an meine Facharztprüfung für Kinder, JEDER hat sich mit seinem Namen verewigen wollen und es waren sehr viele 🙂 Mir ist dann auch wieder eingefallen, dass ich deswegen nie Kinderarzt werden wollte, weil ich das nach der Uni nie wieder lernen wollte… hatte ich leider vergessen 🙂 So, wie ich jetzt wieder alle Syndrom-Eigennamen vergessen habe!
    Alles Gute noch zum lernen, und genieß es, wenn es vorbei ist 😉 Lg Christina von deiner alten Wohnung

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