Gelebtes

Zu verlieren

Die letzten Wochen seit meiner Rückkehr habe ich viel über meinen Plan mich in Korea zu verlieren nachgedacht. Das war nicht die ursprüngliche Idee, die war einfach: ich musste weg, bevor mir die Decke endgültig über dem Kopf kollabierte.
Das mit dem verlieren war die Herausforderung an meinen inneren Sicherheitsmechanismus. Das zu tun, was ich und auch viele andere mir nicht zugetraut haben.
Ein Land zu bereisen, in dem ich vom ersten Moment an verloren war.

Ich wusste nicht, dass es eine philosophische Notwendigkeit darstellt, sich zu verlieren um sich zu finden, um loslassen. Sowohl das mentale verlieren als auch das geografische sich verlieren, was das erstere sehr einfach macht.

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Das Gefühl ist doch ein scheußliches. Als ob ich ertrinke, obwohl ich schwimmen kann.
“zu verlieren” bedeutet(e) für mich zu versagen, dass jemand anders gewonnen hat, dass ich den kürzeren gezogen habe, dass es weh tut und Narben hinterlässt.

Meine Intuition war also ein Bedürfnis, das in uns allen schlummert? Die, die nicht verloren sind, und sich nicht verlieren, werden sich nie finden? Oder haben sie sich schon gefunden?

Definitiv bin ich schon länger verloren, weniger geografisch als innerlich. Dieser neue Aspekt oder Blickadaptierung ist daher eine Wohltat. Die Grenzenlosigkeit des Verlorenseins ist jetzt weniger beängstigend im Sinne von, ich werde mich völlig verlaufen, als dass es eben der Weg zum Ziel ist.
Die geographische Komponente machte es mir nur noch bewusster und es war mein einziger Weg. Ich war da um verloren zu sein ohne ängstlich deswegen zu werden.
Ich hab mich nicht verloren im Sinne von einem völligen Verlust meiner Ziele, meiner Vorstellung vom Leben und vor allem von der Vorstellung von MIR. Diese ist jetzt noch klarer als vorher.

Rebecca Soldin beschreibt das in ihrem Buch “A Field Guide to Getting Lost” als die Tür ins Dunkle.
Die Suche nach all dem, was ich will, ist die Suche nach dem Unbekannten, dem, von dem ich zwar glaube, dass ich es genau benennen kann, aber wenn ich länger darüber brüte, begreife, dass es dennoch irgendwie unklar für mich bleibt.
Nehmen wir eine der berühmtesten Dinge, wonach der Mensch sucht, die Liebe.
(ich möchte lieber nicht über die Suche nach dem Sinn des Lebens diskutieren, daran ist ja bisher jeder inklusive Douglas Adams gescheitert bzw hat nur einmal wieder bestätigt, je länger wir danach suchen desto abstrakter wird die Frage und umso unlogischer wird die Antwort. 42)
Wenn wir nicht gerade soziopathische Misanthropen sind, sind wir doch alle von Liebe umgeben. Dennoch suchen wir, und hier wohl eher die Frauen als die Männer – wage ich zu behaupteten, man(n) möge mich bitte korrigieren – nach der GROßEN Liebe, die, die alle anderen in den Schatten stellt und vielleicht sogar obsolet macht. Die Liebe, die alles wieder gut machen soll, das viele Suchen rechtfertigen und das größte Verständnis für alle meine Spinnereien aufbringen wird. Das alles soll die romantische Liebe tun und nicht daran zerbrechen, dass es, wenn ich ehrlich mit mir bin, unmöglich ist.
Ich versuche also mich von der Idee der Großen und Wahren Liebe, welche natürlich in der Form eines Mannes daher kommt, der schöner und toller ist als ich es mir vorstellen kann, zu trennen. Es gelingt mir gar nicht schlecht.
Denn während ich verloren war und mein Alleinsein betrauerte, knüpfte ich neue Beziehungen und zog die bereits geknüpften Beziehungs-Knoten (diesmal ist Knoten durchwegs positiv zu verstehen) noch enger.
Ich dachte, ich sei von Gott (metaphorisch gemeint) und der Welt verlassen, aber ich habe nur die romantische Liebe verloren, noch dazu eh eine, auf die kein Verlass war. Wie schade ist es, sich über etwas derart einseitiges zu definieren, aber es geht so schnell und schon schwimmt man in dem Strom derer, die einen am Beziehungsstatus festnageln.

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Ich habe etwas verloren, das, wie ein Sprichwort so schön sagt, nicht Wert war behalten zu werden.
Ich bin getäuscht worden und wohl hab ich mich selbst wunderbar in die Tasche gelogen, deswegen gefällt mir dieses Zitat von Marion Brasch so gut, es trifft genau auf den wunden Punkt. Aber nun bin ich

ent-täuscht

– endlich.

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