Beflügelt

Grenzgängerin

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07:40 Aufbruch zur DMZ (demilitarised zone) und dann zur JSA (joint security area).
All das befindet sich an der Grenze zu Nordkorea, welche durch die Military Demarcation Line definiert wird. Auf beiden Seiten dieser MDL ist eine DMZ. Der näheste Punkt von Südkorea an Nordkorea ran zu kommen wird durch die JSA markiert, welche sich in der DMZ befindet und im ehemaligen Dorf Panmunjeom liegt.

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Unsere Tour ist zeitlich straff organisiert und es gibt hier kein Flanieren auf eigene Gefahr, außer man will es riskieren Probleme mit der allseits bereiten und überaus präsenten Armee zu bekommen.

Unser erster Halt war der 3. Tunnel, so bezeichnet weil er als drittes gefunden wurde und von den Nordkoreanern als einer von vielen (so behaupten die Südkoreaner) Infiltrationswegen nach Seoul genutzt werden sollte.
Entdeckt wurde der Tunnel 1978, bevor er überhaupt in die Nähe von Seoul gebombt werden konnte.

Wir passieren Militärgebiet, was unschwer zu erkennen ist, überall sind Mannshohe Maschendrahtzäune und Wachposten.
Der Krieg ist nur ein schlafender, und dieses Gefühl inmitten eines aktiven Kriegsgebiets zu stehen, erweckt ein sehr ungutes Gefühl, DEMILITARISED hin oder her.
Entlang der Landzunge Richtung Nordkorea lungern noch etliche Landminen. So ist klar, dass einfach mal ins Grüne zu spazieren, nur mit abgezwickten Knöcheln enden kann.

Bevor wir in den Tunnel durften, wurden meine Ohren und Augen auf das schärfste mit einem Video über die DMZ penetriert! Es war so laut, dass mir das Zwerchfell vibrierte und ich kann diese unnötige schrille Lautstärke nur als Propaganda-Lautstärke bezeichnen, weil sie einem das Hirn abschaltet und zugänglich macht für eine saubere Hirnwäsche.

Der Bereich für Besucher im Tunnel ist ein kleiner und vielleicht 700m lang bevor der an einem Guckloch endet, durch das man Besucher auf nodkoreanischer Seite sichten könnte. Hab ich aber nicht, auch sonst nichts nordkoreanisches.
Der Tunnel war nicht so eng, wie ich befürchtet hab, aber dennoch beklemmend, wenn ich mir überlege, wie hier Menschen sich mit bloßen Händen und auch Dynamit den Weg nach Seoul gegraben haben. Keiner weiß, oder es wird nicht der Öffentlichkeit Preis gegeben, wieviele Tunnels dieser Art existieren. Bis dato sind es 4.

Als nächstes ging die Fahrt weiter zu einem Aussichtspunkt, von wo aus Nordkorea zu sehen ist, wenn wir gutes Wetter hätten, so war es ein Block auf Hügel und ein zwei kleine Seen die mit tiefen Nebel überzogen waren. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass mir wer von dort zuwinkt.
Meine erste Straftat hätte ich auch schon begangen, weil ich nämlich jenseits von der erlaubten Linie aus versuchte ein Foto zu machen. Ich korrigiere mich, das war meine 2.Tat, die erste war, im Tunnel ein Foto zu machen.
Ich sollte mich zusammenreißen, denn nun geht es bald in Richtung JSA, wo strikte Gesetze gelten.

Unser letzter Punkt vor dem Mittagessen ist ein Fake-Bahnhof, der als Friedenssymbol erbaut wurde und den Süden mit dem Norden verbindet, also er wäre der erste Bahnhof Richtung Norden.
Derzeit ist es ein Touristen-Gag.
Eine schräge Vorstellung einen völlig leeren Bahnhof zu haben, von wo aus nur ein Zug von Seoul zu diesem Bahnhof fährt, den man aber nicht verlassen darf, wenn man nicht mit einem Tourbus gekommen ist.

Von hier geht’s zu einem Lunch, wo sich die Reiseguppe spaltet, ich schließe mich denen an, die weiter zur JSA fahren, denn bisher war die Erfahrung nicht wirklich aufregend.

Mit neuem Guide ging es weiter Richtung Norden, wo wir das Camp Bonifas erreichten, in dem uns ein kurzes Referat bezüglich des JSA gegeben wurde. Weiters mussten wir eine Erklärung unterschreiben, dass wir uns darüber bewusst seien, dass dieser Besuch mit Verletzung oder Tod enden kann- Entschuldigung?? Wann genau hab ich verpasst mein Testament zu schreiben? Nun jetzt war es auch schon egal. Weiter im Text: wir versicherten mit unserer Unterschrift, dass wir jegliche Form der Fraternisierung mit dem nordkoreanischem Volk oder auch nur den Kontakt zu ihnen unterlassen. FRATERNISIERUNG? Die verstehen es, mir Angst zu machen…
Weiters wurde aufgelistet woran ein KPA Soldat und ein Nordkoreaner erkannt werden kann, nämlich an der Farbe ihres Bandes am Oberarm und die Besucher an ihrem Badge, dieses war grün. Hier das Merkwürdige: unseres war rot, bekanntlich die Farbe des Kommunismus, warum also genau haben dann die Nordkoreaner ein grünes und wir ein rotes Erkennungszeichen? Zu meinem Bedauern, ist mir diese Frage in Gegenwart des amerikanischen Sergeant nicht eingefallen.
Aber gut, heute waren eh keine Nordkoreaner unterwegs.

Der Guide machte uns wiederholt darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, uns an die Regel zu halten.
Bevor wir Camp Bonifas betraten , wurden unsere Pässe durch US Army Soldaten, die für die UN hier stationiert sind, kontrolliert und wir wurden nochmal drauf hingewiesen, dass wir nichts mit uns tragen dürfen, unsere Hände frei sein müssen und wir nur nach ausdrücklicher Genehmigung Fotos schießen dürfen. Lediglich Kamera durfte umgehängt und der Pass in die Hosentasche gesteckt werden. So wechselten wir bei Camp Bonifas in einen UN-Bus und fuhren zur JSA.

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Die Atmosphäre war gespannt. Mir summte der Kopf vor lauter Regeln und der möglichen Konsequenzen, wenn ich eine unabsichtlich verletzen sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die KPA nur so drauf wartet, dass auf unserer Seite was geschieht, was ihnen erlaubt das Feuer zu eröffnen.
Wer mich kennt, weiß, dass ich auch immer mit meinen Händen rede und um das ja zu vermeiden und der KPA völlig falsche Botschaften zu schicken, stopfte ich meine Hände tief in die Hosentaschen. Jetzt wurde nicht gespaßt!

Da schlug mir das Herz im Hals und ich war schon zweimal am WC um meine nervöse Blase zu beruhigen.
Ruth, eine Bekanntschaft aus dem Bus, und ich versuchten keine blöden Witze mehr zu machen und blieben wie Roboter in der Reihe wie und geheißen.

Wir waren nur noch wenige Meter von der nordkoreanischen Seite der DMZ entfernt.
Im DMZ gab es ein kleines Dorf, die Bewohner, alles Farmer, waren von den Steuern befreit und sie genossen noch andere Vorzüge für die Bürde im Grenzgebiet zu leben. Sie wurden stets kontrolliert und nachts standen mehrere Soldaten Wache. Dieses Dorf hatte einen 100m hohen Fahnenmast an der die südkoreanische Flagge im Wind tanzte.  Dem Dorf gegenüber, auf nordkoreanischer Seite, lag ebenfalls ein Dorf, welches laut Südkorea aber nur ein leeres Propaganda-Dorf ohne Bevölkerung sei, aber mit einem Fahnenmast, der um 60 m höher war als der des Feindes und bis vor zehn Jahren 12 Std am Tag über einen Lautsprecher Propaganda geplärt haben soll, worauf die Südkoreaner mit K-Pop reagiert haben sollen. Die Geschichte stell ich mal in Frage…
Aber ganz eindeutig war der Größenunterschied zwischen den beiden Masten.

Es standen überall Soldaten der US Army und der koreanischen Armee, diese in einer TaekWonDo Kampfposition, die dem Gegner Angst bereiten soll. (nur ob sie sich den Angriff dann anders überlegen und mit einem “aaach heut dann nicht, die schauen heut so bös” abziehen, wage ich zu bezweifeln.

Wir betraten in 2er Reihen die JSA.
Wir standen da mit Blick nach Nordkorea, welches nur noch zehn Meter weit weg war und dort stand ein einzelner Soldat der KPA.

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Wir durften in eines der Sitzungssäale eintreten, wo Gespräche zwischen den verschiedenen Parteien statt finden.
Da heute in Nordkorea keine Führung durch die JSA stattfand, war die Präsenz der KPA auf das Nötigste, nämlich Bob (wie der einsame Soldat der KPA liebevoll von der US Army genannt wurde), reduziert.

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Irgendwo hinter diesem Gebäude der Nordkoreaner herrschte eine Diktatur, dessen Ausmaß ich mir nicht und nicht vorstellen kann und für mich noch abstrakter geworden ist, aber dafür viel realer und aktueller als ich es mir gedacht hätte.

Die Situation hat uns allen Angst gemacht und es war nur ein Soldat auf Seiten der Nordkoreaner, der uns, bis wir den Rückzug antraten, mit einem Fernglas beobachtete,  aber die Bedrohung lag doch in der Luft.
Der letzte Zwischenfall war vor zwei Jahren, als KPA Soldaten irgendwas taten und dabei erschossen wurden. Ein Tourbus, der zu dem Moment gerade unterwegs war zur JSA musste ohne weitere Erklärung am Fleck umdrehen.

Ich bin froh, diese schräge Reise gemacht zu haben. Nach außen tut Südkorea und die UN viel um irgendwann die Wiedervereinigung herbei zu führen und auch unsere guides waren pro-Reunification aber noch tat sich da wenig, erster Bahnhof Richtung Norden hin oder her, solang ein Kim Yong in Nordkorea was zu sagen hatte, würde sich da nichts tun und es werde viele verzweifelte Nordkoreaner beim Versuch die Grenze zu passieren sterben. Jährlich sollen es, so die US Army, an die 20.000 Flüchtlinge sein, die es lebend nach Südkorea schaffen. Aber zu welchem Preis…

Ich versuche noch immer meine Gefühle zu sortieren und bin froh, dass alles gut gegangen ist. Nicht, dass wir je in Gefahr gewesen wären, aber aktives Kriegsgebiet zu betreten ist definitiv einschüchternd.

Auf der Rückfahrt, kaum, dass wir die JSA verlassen hatten, kamen wir an der Brücke ohne Rückkehr vorbei. Hier fand nach Jahren des Krieges ein Art Gefangenenaustausch statt, prisoners of War wurden von Seiten beider Parteien vor die nicht widerrufliche Entscheidung gestellt, sich für ein Land zu entscheiden. Was für eine folgenschwere Wahl mussten Menschen treffen, die doch gar nicht mehr klar denken konnten, und das nicht nur für sich, sondern jede weitere Generation..

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